Blade Runner (PC) © 1997 Westwood Studios

Genre: Adventure

Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

So der Titel des Buches, auf dem der legendäre Kultfilm Blade Runner von Ridley Scott basiert. 1997 bescherte uns Westwood das passende Spiel zum Film, gleichzeitig war dies ihr letztes Spiel vor der Übernahme durch EA. Zu beginn hat man die Wahl zwischen 3 verschiedenen Installationsgrößen, was Ladezeiten und CD-wechsel beeinflusst. Die grösste Installation schlägt mit über einem gigabyte zu buche, was zwar heute nichts besonderes mehr ist, damals jedoch schon sehr viel Platz verschlang.

Jagd auf Replikanten

Aufgabe des Spielers ist es, Replikanten zur Strecke zu bringen. Diese künstlichen Menschen wurden für die harte und gefährliche Arbeit auf Kolonialplaneten entwickelt, und ihnen ist der Aufenthalt auf der Erde strengstens Untersagt. Man übernimmt die Kontrolle über Ray McCoy, einen Blade Runner vom gleichen Schlag wie Deckard, der im Film von Harrison Ford verkörpert wurde. Von seinem Chef Guzza erhält man seinen ersten Auftrag: Tiermord bei Runciter.
Wie in anderen Adventures auch, durchsucht man die einzelnen Orte, die aus mehreren Szenenbildern bestehen können, nach Gegenständen, Hinweisen und Personen, die man zu allem wissenswertem befragt. Eher untypisch ist hier jedoch, das man keine Gegenstände miteinander kombinieren muss - alles landet im Inventar des Spielers, der Personen gegebenenfalls zu einzelnen Dingen Fragen stellt.

Kampf und Krampf

Diese Gegenstände sind im Gegensatz zum gerenderten Hintergrund, genau wie auch die Figuren, in Voxeltechnik erstellt, weshalb sie relativ leicht zu entdecken sind. Trotzdem muss man hier und da auch genauer hinsehen, um zum beispiel Lackspuren an einem Hydranten zu entdecken, der aber gerendert ist. Im Polizeirevier kann McCoy all seine Spuren und Beweisstücke in eine Datenbank übertragen - diese wird auch von allen anderen Beamten benutzt, wodurch man sogar Hinweise erhalten kann, die man selbst gar nicht gesammelt hat.
Mit Hilfe des Espers, eines digitalen Bildanalysegerätes, lassen sich einzelne Abschnitte eines Fotos vergrößern, was auch wieder neue Spuren und Details enthüllt, z.b. das Gesicht einer Person, das vorher stark im Schatten lag. An bestimmten Stellen des Spiels darf der Spieler sogar den Voigt-Kampff-Test durchführen, der dazu dient, Replikanten von Menschen zu unterscheiden (siehe unteren Screenshot).

Interaktiver Film

Die Grafik in Blade Runner ist bombastisch. Alle Hintergründe des Spiels sind komplett gerendert, und beeindrucken mit einer bis heute unerreichten Menge an Animationen. Rauch, blinkende Neonschilder, drehende Ventilatoren, Regen, flackernde Lampen - alles wirkt sehr echt und erweckt den Eindruck, wirklich "mittendrin" zu sein in diesem düsteren Los Angeles der Zukunft. Wenn der Spieler in sein fliegendes Polizeifahrzeug steigt, kann er auf einer Karte alle verfügbaren Locations anfliegen, Start und Landung werden jedesmal von einer ebenfalls gerenderten Filmsequenz begleitet, die Übergänge sind somit fliessend. Aus den Lautsprechern klingt der Originalsoundtrack von Vangelis, der hier jedoch (leider) etwas spärlich eingesetzt wird. Die Handlung des Spiels findet zeitgleich zur Handlung des Filmes statt, viele Figuren trifft man deshalb wieder. Als McCoy fotografiert wird, erkennt man mit Hilfe des Espers sogar Deckard im Hintergrund, der gerade eine Verkäuferin befragt. Im Polizeirevier vernimmt man Dr. Tyrells Stimme in einem Interview - er bekam die gleiche deutsche Stimme wie im Film spendiert.
Ray selbst wird von Stephan Schwartz gesprochen, der deutschen Stimme von Andy Garcia und früheren Stimme von Tom Cruise. Alle Sprecher des Spiels, bis in die Nebenrollen, sind exzellent vertont und machen ihre Arbeit gut. Humor ist im Spiel allerdings kaum vorhanden, zwar gibt es einige recht sarkastische Kommentare von McCoy, die zum schmunzeln anregen, aber wer viele Lacher erwartet ist bei Monkey Island besser aufgehoben. Zuviel Klamauk hätte aber auch der ernsten, und düsteren Stimmung des Spiels geschadet, somit passt alles recht gut zusammen.

Entscheidungen

Zu beginn eines jeden neuen Spiels entscheidet ein Zufallsgenerator, welche Personen im Spiel Menschen, und welche Replikanten sind. In den Optionen hat der Spieler ausserdem die Wahl zwischen neutraler, freundlicher und grober Gesprächsführung. Motzt er also einen Verdächtigen an, kann es sein das dieser dann eingeschüchtert wird, und auspackt. Oder es passiert das Gegenteil, er ist so eingeschüchtert das er gar nichts verrät, so das vielleicht eine freundlichere Vorgehensweise ratsamer gewesen wäre. Man kann aber auch eine manuelle Gesprächsführung wählen, und sich Sätze selber aussuchen. All dies, in Kombination mit den Gegenständen und Mengen an Hinweisen die man findet, hat Einfluss darauf, wie sich das Spiel entwickelt. Ist McCoys toughe Partnerin Steele womöglich auch ein Replikant? oder gar der Spieler selbst? Insgesamt 12 verschiedene Endsequenzen erwarten den Spieler, obwohl die Haupthandlung mit ihren vielen, tollen Videosequenzen eigentlich genauso linear verläuft wie in jedem Adventure.

Das kenn ich doch!

Aber nicht nur Personen trifft man im Spiel wieder, auch bestimmte Orte wie z.b. Chinatown, wo Deckard zu beginn des Filmes sitzt und Nudeln isst, oder das Bradbury Hotel in dem J.F. Sebastian wohnt, kann der Spieler wiederfinden. McCoy besitzt auch ein eigenes Apartement, in das sich der Spieler jederzeit zurückziehen kann - dort kann man Nachrichten sehen, schlafen oder seinen Anrufbeantworter abhören - vielleicht hat sich ja bis zum nächsten morgen etwas ereignet? Während man mit der linken Maustaste McCoy durchs Bild bewegt (mehrere klicks lassen ihn schneller laufen), die Umgebung nach Gegenständen untersucht (Cursor färbt sich grün bei wichtigen Dingen), kann man mit der rechten Maustaste seine Waffe ziehen. Der normale Mauszeiger verwandelt sich in ein Fadenkreuz, und der Spieler hat die Möglichkeit, auf Gegner zu feuern - bei diesen färbt es sich rot, normale Personen können nicht beschossen werden. Die Munition ist unbegrenzt, allerdings hat der Spieler die Möglichkeit, sich bessere Munition in einem Waffengeschäft zu besorgen. Seine Fähigkeiten kann man jederzeit auf einem Schiessstand im Polizeirevier unter Beweis stellen - dies ist ratsam, denn der Spieler kann genauso das zeitliche segnen wie seine Feinde. Glücklicherweise kann man das Spiel zu jedem Zeitpunkt abspeichern.

FAZIT: Blade Runner ist einzigartig, mehr interaktiver Film als Adventure. Gegenstände müssen nicht kombiniert werden, Actioneinlagen lockern das Gameplay auf. Die Tatsache das man nicht weiss wer ein Mensch und wer ein Replikant ist, macht das Spiel bei jedem Neustart spannend, die Art und Weise wie der Spieler vorgeht und welche Beweise er sammelt, ist entscheident für den Ausgang des Spiels. Adventure-Liebhaber die gerne logisch denken, kombinieren und puzzeln, werden hier klar unterfordert, denn all das benötigt man hier kaum. Das Spiel lebt stattdessen von seiner atemberaubenden Atmosphäre, dem "mittendrin"- Gefühl und der guten Story. Die Sprecher sind exzellent bis in die Nebenrollen. Die Figuren im Spiel wirken heute allerdings sehr pixelig, die Standardauflösung von 640x480 Bildpunkten lässt sich nicht ändern. Filmfans werden sich über den Esper und den Voigt-Kampff-Test freuen, kultige Hilfsmittel die hier geschickt ins Gameplay eingebunden werden - für sie ist dieses Spiel auf jeden Fall ein muss. Das Spiel ist unter XP lauffähig und wird auf 4 CDs oder einer DVD ausgeliefert.

Wertung: 7|10 Retro-Wertung: 9|10